Voyager IV Pictures At An Exhibition - Klassik & Prog-Rock

Voyager IV Pictures At An Exhibition – Klassik & Prog-Rock

  • Voyager IV Pictures At An Exhibition ist ein Band-Projekt von Marcus Schinkel (keys) und Johannes Kuchta (vocals, percussions).
  • Voyager IV ist keine Tribute-Band, die Emerson, Lake & Palmer Ton für Ton nacheifert. Der Band geht es vielmehr um eine neue Interpretation Mussorgski-Materials.
  • Die CD Pictures At An Exhibition by Voyager IV gewann den Deutschen Rock- und Pop-Preis 2019 in vier Kategorien.
Voyager IV Pictures At An Exhibition - LIVE!
Bildquelle: Voyager IV

Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski wurde schon einige Male neu interpretiert. Das wohl bekannteste Werk schlechthin ist Pictures At An Exhibition von der Kultband Emerson, Lake and Palmer. Für Prog-Rock-Fans der 70er ein Heiligtum der Rockmusik, welches oft Ton für Ton nachgespielt wird. Nicht so bei „Voyager IV“. Was der Pianist Marcus Schinkel und der Sänger und Multi-Instrumentalist Johannes Kuchta mit ihrem Band-Projekt abliefern, ist frisch und inspirierend.

Sogar mehrfach ausgezeichnet wurde das gegen Ende 2019 erschienene Album: Pictures At An Exhibition by Voyager IV bekam den Deutschen Rock- und Pop-Preis in vier Kategorien: Prog-Rock-Song, Prog-Rock-Sänger, Keyboarder und Singer/Songwriter. Absolut verdient, denn so wie die hochkarätig besetzte Band den Mix aus Klassik, Rock und Jazz rüberbringt, wirkt das bekannte Material kein bisschen abgedroschen. Im Gegenteil. 

Für Marcus Schinkel selber ist es eine „Hommage an die Pioniere des Jazzrock wie George Duke, Joe Zawinul, John Lord und nicht zuletzt Keith Emerson“. Ein Mix, den man unbedingt auch live erleben sollte. Ich treffe Marcus Schinkel (MS) und Johannes Kuchta (JK) nach dem Soundcheck zum Konzert in der Bonner Harmonie.

Voyager IV Pictures At An Exhibition - Live @ Harmonie, Bonn

Akustik und Elektronik vereint

Schon die Zusammenstellung der Instrumente deutet einen anderen Weg an, denn für eine stilechte ELP-Tribute-Band mangelt es allein schon am Hauptinstrument des Tastenvirtuosen Keith Emerson: die Hammond-Orgel. Stattdessen allerhand modernes Equipment – Synthesizer, Umhängekeyboard, Laserharp, Vocoder, elektrifizierte Melodica. Anstelle eines riesigen Moog Modular Synthesizers setzt Marcus Schinkel lieber auf kleine und handliche Synthis wie Roland JD-Xi und Nord Lead.

Im Zentrum seines elektronischen Setups dann aber ein akustischer Flügel. „Ich bin ja Pianist“, stellt Marcus Schinkel klar, „mein Ansatz war jedoch schon immer, das Akustische mit dem Elektronischen zu vereinen.“

Voyager IV Pictures At An Exhibition - Die Band
Voyager IV (v.l.n.r): Marcus Schinkel (keys), Wim de Vries (drums), Johannes Kuchta (vocals, Percussion), Fritz Roppel (bass)

MS: Keith Emerson hatte damals als einer der ersten Rockmusiker einen Moog Modular auf der Bühne. Das war damals etwas komplett Neues. Das hatte man noch nie gehört. Heute sind wir in der Hinsicht natürlich ganz woanders. Mit dem Computer kannst du jeden erdenklichen Klang basteln. Das ist aber nicht mehr dasselbe, was mich zu den haptischen Elementen wie die Laserharp geführt hat. Ich habe das mal bei Coldplay und natürlich Jean-Michel Jarre gesehen. Aber sonst gibt es kaum jemanden, der diese tolle Möglichkeit nutzt.“

Spielst du live immer deinen eigenen Flügel oder lässt du dich darauf ein, was du am Venue vorfindest?

MS: Ich nehme immer den vorhanden Flügel. Ich habe einmal Benny Green, den autorisierten Nachfolger von Oscar Peterson gesehen, es war in einem Jazzclub in Arnheim, wo ich den Flügel kannte und immer gesagt habe, dass man auf dem Instrument keine Musik mehr machen kann. Bei Benny Green klang er sensationell und ich war ganz verblüfft, da ich dachte dass ein neuer Flügel angemietet worden war.

Der Sound entsteht vor allem im Kopf des Spielers...

Der Sound entsteht vor allem im Kopf des Spielers und dann in dem der Zuhörer. Natürlich gibt es da auch Grenzen, wie ein Flügel, den ich total verstimmt in Honduras bei einem Konzert mit Orchester spielen musste, zwei Tasten gingen gar nicht, damit habe ich aber improvisiert und die in ruhigen Momenten als Percussion eingesetzt – nur das Klappern der Tasten war zu hören!

Wie nimmst du den Flügel ab? Wenn ich mich recht erinnere spielst du mit komplett geschlossenem Deckel…

MS: Ja, der geschlossene Deckel ist wichtig, damit nicht mehr soviel Drums über die Flügelmikrofone kommen. Welche Mikrofone das sind, überlasse ich unserem Tontechniker.

Kommt es auch mal vor, dass du ein Stagepiano (also: Digitalpiano) auf der Bühne einsetzt, wenn kein Flügel da ist bzw. das Instrument nicht deinem Anspruch entspricht?

MS: Auf der aktuellen Tour spielen wir sogar nur in Läden ohne Flügel – leider! Ich habe jetzt aber ein wundervollen Stellvertreter gefunden, das Casio Privia PX-S3000. Ich hätte nicht gedacht, das Casio den Yamaha-E-Pianos etwas entgegensetzen könnten. Das PX-S3000 hat nicht nur eine angenehme Tastatur, sie ist auch wie bei hochwertigen Flügeln etwas angeraut. Die Höhen sind sehr brillant, aber nicht so klirrend.

Marcus Schinkel - Keyboards mit Biss (Foto: Gerhard Richter)
Keyboards mit Biss: Marcus Schinkel

Voyager IV Pictures At An Exhibition unterwegs

Mit eurem Projekt Voyager IV erweckt ihr das Thema zu neuem Leben. So wie ihr es als Live-Konzert spielt, wirkt das Ganze auf mich aber nicht wie museale Pflege. Erstaunlich schon mal wie zeitlos doch die Musik von ELP ist. Aber ich bin begeistert, wie lebhaft ihr mit den originalen Elementen spielerisch umgeht und Neues hinzufügt.

Marcus Schinkel (MS): Wir möchten das zeitlose herauskehren und bewahren, …

Johannes Kusta (JK): …. aber das Original ist für uns zunächst eine Art Rohmaterial.

MS: Gestern haben wir ein tolles Kompliment von Keith Emersons Lebensgefährtin bekommen. Sie hat auf einen Konzertmitschnitt reagiert, den wir auf Facebook geteilt haben. Sie hat sich gefreut zu sehen, wie frei wir mit dem Material umgehen. Sie sagte auch, dass Keith Emerson so etwas immer gut fand. Das kam dann schon einem Ritterschlag gleich. Wir wollen ja nicht eine reine Tribute Band sein, die – wie sonst üblich – alles 1:1 nachspielt. Es geht uns ja gerade darum, freigeistig mit dem Material umzugehen.

JK: Das Rohmaterial sind im Grunde genommen ja auch die Motive von Mussorgski, die ELP in ihrer Zeit beleuchtet haben. So machen wir das nun heute in unserer Zeit. Die originalen Motive halten das aus, das ist wohl das Zeitlose daran. 

Das zeigt sich ja deutlich auch im Instrumentarium, das ihr im Studio und auch live einsetzt. Vor allem bei dir Johannes – du bist der Sänger, bringst dich aber als Multi-Instrumentalist mit einem breiten Spektrum an Percussion und Elektronik ein. Eine Hangdrum z.B. gab es aber damals auch nicht.

JK: Wir sind beide eben auch sehr verspielt. Wir mögen Sounds und setzen uns gerne mit neuer Technik auseinander. 

Ich könnte mir vorstellen, dass ihr beim Songwriting ganz ähnlich verspielt vorgeht?

JK: Da geht es mir meistens um einfache Strukturen, an denen man festhalten kann. Ich bin da klar der konstantere Typ. Ich mag Songs und Melodien, die man – wenn man so will – auf dem Kamm blasen kann.

MS: Für uns beide war es am Anfang auch eine Findungsphase. Als Jazzer denke ich oft komplizierter, während Johannes dann mit seinen Pop-Songstrukturen dagegenhält, um Dinge zu vereinfachen. Wenn er als Songwriter ein Stück mit Text und Vocals hat, dann muss die Musik Song-dienlicher sein.

JK: Es war eine tolle Herausforderung, aus den Mussorgski-Motiven Songs zu entwickeln. Und das wäre so gesehen meine Art, die Bilder eine Ausstellung in unsere Zeit zu bringen.

MS: Etwas, das bei bei meinen Theaterprojekten gelernt habe: Die Gegensätze sind wichtig. Das heißt, wenn du z.B. die ganze Zeit 16tel-Noten Synthesizer-Wahnsinn machst, dann kriegt man irgendwann nichts mehr mit. Wenn du aber immer wieder Ruhepunkte setzt, kannst du danach um so besser wieder einen raushauen. Mehr Kontrast, mehr Amplitude.

Das kommt bei euch tatsächlich sehr locker rüber. Von virtuosen Jazzrock-Eskapaden wieder zurück zur Form des Songs – das alles wirkt sehr frei gespielt.

MS: In unserer Musik spiegelt sich ja nicht nur die Bilder einer Ausstellung wieder. Es ist auch irgendwie unser ganz persönlicher Soundtrack – und das geht ganz querbeet von ELP über George Duke, Pink Floyd bis John Lord.

Und es wirkt auf mich, als wolltet ihr euch auch gar nicht festlegen: Ist es nun Prog-Rock, Jazzrock oder Pop? 

MS: Die Grenzen sind da ohnehin fließend. Bands wie Genesis oder Pink Floyd haben in ihrer Anfangszeit in den frühen Siebzigern auch sehr viel improvisiert. Auch wenn die Stücke irgendwann eine feste Form bekamen, aber die haben früher sehr viel gejammt. Wenn man so will ja auch eine Form Jazz.

JK: Mit unserem Projekt haben wir inzwischen eine gesunde Mischung aus fest arrangierten und frei gespielten Teilen. Trotz festem Arrangement bleibt es bei etwa einem Drittel spannend, wo man eben dann nicht zu 100% weiß, wo die Reise hingehen wird.

Voyager IV Pictures At An Exhibition Live im Pfandhaus, KÖln
Das Live-Setup von Marcus Schinkel vereint Akustik und Elektronik: Um den Konzertflügel herum finden sich Synthesizer, Theremin, Laserharp, Vocoder, Remote-Keyboard.

Das Projekt Voyager IV Pictures At An Exhibition

Wie lange spielt ihr jetzt zusammen mit diesem Projekt?

JK: Wir hatten 2017 das erste Konzert – auch hier im Bonner Harmonie – da war es aber noch das anfängliche Tribute-Konzept.

MS: Johannes war zu dem Zeitpunkt noch Gast. Ursprünglich, um auch Greg-Lake-Stück zu machen. Aber es war dann Johannes’ Impuls, das Tribute-Ding weiterzuentwickeln. Er sagte, es würde nichts bringen, die Stücke nur nachzuspielen. Wir sollten besser etwas Eigenständiges entwickeln.

JK: Das waren dann zwei Stufen – zunächst der eigenständige Charakter bei den nachgespielten Stücken, und dann kamen noch die eigenen Stücke dazu.

Nimm eine Melodie, kehre das Innere nach außen, drehe es um und spiele es dann rückwärts!

- Keith Emerson

Da macht auch das Zuhören Spaß. Gerade auch dann, wenn man das originale Material kennt (und liebt). Die Musik ist ständig in Bewegung.

JK: Wir würden uns halt wünschen, wenn es eine gewisse Allgemeingültigkeit erreicht und dann auch in den Vergleich zu setzen ist mit den anderen Versionen: Das Original von Mussorgski, ELP…

MS: … dann gab es da doch eine Version von Tomita, der das aber komplett mit dem Moog Modular umgesetzt hat.

JK: Er hat die Klavierversion 1:1 abgespielt, aber eben andere Sounds benutzt. Im Prinzip wie Switched On Bach von Wendy Carlos. Aber so machen wir das ja gar nicht, wir nehmen das Original und kehren das Innerste nach Außen …

MS: Zitat von Keith Emerson: „Nimm eine Melodie, kehre das Innere nach außen, drehe es um und spiele es dann rückwärts.“ (lacht)

Und ihr spielt dann ja auch noch völlig neue Sachen hinzu…

MS: Vielleicht ganz interessant zu dem Thema – vor ein paar Jahren habe ich eine Theater-Produktion gemacht, wo ich die Diabelli-Variationen gespielt habe – meine Güte, dafür musste ich echt lange üben. Dabei habe ich gesehen, was Beethoven mit so einem kleinen Diabelli-Thema machen kann. Du hörst die ganze Zeit eigentlich komplett Beethoven und kein Diabelli mehr, aber du kannst es immer heraushören. Für mich war das auf jeden Fall ein Mut gebender Ansatz, um zu sagen, es braucht nur einen Ausgangspunkt zu sein für etwas, das ganz woanders hingehen kann.

Wie gehst du da technisch vor?

MS: Ich schreibe erst mal die Akkorde über die Melodie. Die Melodie lasse ich bestehen und ändere aber die Akkorde, so wie ich sie fühle. Ein gutes Beispiel in unseren Pictures At An Exhibition ist der Teil „Bydło“. Hier haben wir das klassische Anfangsmotiv genommen. Der Refrain aber, das sind dann ganz Wir.

JK: Wichtig waren mir in diesem Zusammenhang aber auch die Bilder von Viktor Hartmann, auf welche sich ja die Musik von Mussorgski bezieht. Diese Bilder wollte ich gerne auch neu erzählen mit unserer Musik.

Das bildhaft Emotionale scheint dir ein wichtiges Element der Musik zu sein, Johannes. Beim Soundcheck vor dem Konzert hast du am Klavier so schöne atmosphärische Chords gespielt, spontan dachte ich an eine Winterlandschaft.

Also ich muss gestehen, ich interessiere mich null für Akkorde, ich kann auch nicht Notenlesen. Es geht mir bei der Musik hauptsächlich darum, Stimmung zu erzeugen. Ob mit nur einem oder zwei Tönen – ist mir eigentlich egal. Und es ist mir am liebsten, wenn diese Töne als Sinneswahrnehmung bei den Zuhörenden Emotionen auslösen, Bilder erzeugen, Geschichten erzählen.

Ja, mehr davon bitte – wisst ihr schon, wie es weiter gehen soll?

MS: Wir sammeln schon Ideen, es ist aber noch nichts spruchreif. Wir werden uns wieder ein großes klassisches Thema als Überbau vornehmen, haben uns aber noch nicht entschieden. Jetzt stehen erst einmal die internationalen Auftritte und Premieren für Crossover Beethoven an, im Sommer dann mit Voyager IV ein paar Open-Air Konzerte.

Voyager IV Pictures At An Exhibition – Internet-Links

Pianoo People – Portrait Marcus Schinkel 

Website von Marcus Schinkel

Spotify: spoti.fi/2pqakbx
iTunes: apple.co/2WAHqkU
Amazon Germany: amzn.to/2PFn20B

Voyager IV auf Bandcamp

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