Test: Nord Electro 6 HP – Stagepiano mit Vintage Sounds

  • Das Nord Electro 6 ist ein Stage Keyboard mit Schwerpunkt Vintage Keyboards. Neben ausgezeichneten Sounds von Fender Rhodes, Wurlitzer und Clavinet ist es vor allem auch für die höchst authentisch klingende Orgel-Sektion und lebhafte Akustikpianos beliebt.
  • Erhältlich ist das Nord Electro 6 in den drei Versionen D 61, D 73 und HP, wobei letztere mit einer 73er Hammermechanik-Tastatur ausgestattet ist.
  • Mit robustem Gehäuse bei leichtem Gewicht, hochwertigen Sounds und Effekten und flexiblen Edit-Möglichkeiten ist das Nord Electro 6 ein absolut professionelles Stage Keyboard für Bühne und Studio.
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(Foto: Jörg Sunderkötter)

Mit der sechsten Generation setzt der schwedische Hersteller die Serie des wohl erfolgreichsten Stage Keyboard aller Zeit fort. Das Nord Electro 6 erweitert nicht nur bekannte Leistungsmerkmale, sondern bringt auch Neuerungen, die sich viele Electro-User schon lange wünschen. Als Stagepiano geeignet ist das Modell Nord Electro 6 HP mit 73 Piano-Tasten und Hammermechanik.

Ganz oben auf der Wunschliste der Electro-User standen vor allem zwei Punkte: Gleichzeitiges Spielen aller Klanggruppen als Split- und Layer-Kombinationen sowie unterbrechungsfreies Umschalten der Sound-Presets. Ebenso erfreulich ist der Dual Organ Mode, welcher die Kontrolle von Lower- und Upper-Manual vereinfacht.

Aber die Feature-Liste geht noch ein gutes Stück weiter, wobei vor allem auch die Usability im Vordergrund steht. So darf man nun beim Organisieren seiner Sounds von Move-, Copy- und Paste-Funktionen Gebrauch machen oder arrangiert eine Reihe von Sounds als Songlist.

D oder HP – welches Modell ist das richtige?

Das neue Nord Electro ist weiterhin in drei Versionen erhältlich: Nord Electro 6D 61 und Nord Electro 6D 73 sind dabei mit semi-gewichteten Waterfall-Tastaturen und Drawbars (Zugriegel) ausgestattet. Die Waterfall-Tasten vermitteln eher beim Orgelspielen ein authentisches Spielgefühl. Das Nord Electro HP mit seiner leicht gebauten 73er HP-Tastatur ist das richtige Modell, wenn das Pianospielen im Vordergrund steht.

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Jeweils mit einer 73er Tastatur ausgestattet, aber zwischen Electro 6D 73 und Electro 6 HP gibt es wichtige Unterschiede: Mit Drawbars und Waterfall-Tasten steht bei der D-Version das Orgelspielen im Vordergrund.

Nord Electro 6 HP oder Stagepiano?

Im Vergleich zu herkömmlichen Stagepianos punktet das Nord Electro 6 HP auf jeden Fall mit seinem deutlich geringeren Gewicht und der kompakten Bauweise. Das Teil klemmt man sich mal eben unter den Arm. Auch mit einem Rucksack-Gigbag kann man das Electro 6 HP gut selber transportieren – mit dem Fahrrad, im Bus oder U-Bahn. Wer eine 88er Tastatur braucht, findet bei der gleichen Marke die Modelle Nord Stage und Nord Piano. Beide unterscheiden sich in Konzept und Preis vom Nord Electro.

Konzeptionell unterscheidet sich das Nord Electro 6 außerdem von vielen Stagepianos anderer Marken. Die Struktur von drei unabhängigen Klang-Sektionen inklusive Drawbar-Orgel findet man äußerst selten, ebenso die üppige Ausstattung mit Bedienelementen. Damit lässt sich das Nord Electro nach einer gewissen Einarbeitung sehr intuitiv ohne lästiges Navigieren in Display-Menüs handhaben.

Andererseits verzichtet das Nord-Electro-Konzept auf Stagepiano-Classics wie Masterkeyboard-Funktionen. Mit dem Fokus auf elektromechanische Vintage Instrumente ist das Electro 6 HP für das Live-Spielen in einer Rock/Pop/Jazz-Band gemacht: Coole Piano-Begleitungen spielen, rockig in die Tasten hauen oder auch Solos nach vorne spielen. Die Tastatur und vor allem auch die Sounds machen das gut mit.

Leichtbauweise dank HP-Tastatur

Bei allen Stagepianos macht den Hauptanteil des Gewichts die gewichtete Hammermechanik-Tastatur aus. Genau hier hat Nord mit der „Hammer Action Portable“-Tastatur angesetzt. Diese Spezialtastatur des italienischen Herstellers Fatar ist auf Leichtbauweise getuned. Das Spielgefühl ist prima. Die HP-Tasten bringen ein angenehmes Gegengewicht auf, vom Spielgefühl leichtgewichteter Tasten ist das Nord Electro 6 HP weit entfernt, aber ein feines pianissimo ist auch nicht seine Stärke – aber das braucht man beim Live-Spielen auch nicht wirklich.

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Mit der "Hammer Action Portable"-Tastatur kann das Nord Electro 6 HP mit den Stagepianos seiner Preisklasse nicht ganz mithalten. Sie lässt sich aber gut spielen. (Foto: Jörg Sunderkötter)

Akustische Piano-Sounds

Bei den Sounds verfolgt man offensichtlich nicht das Klangideal vieler Digitalpianos, die den Traum vom Steinway Konzertflügel ins eigene Wohnzimmer bringen. Man hat eher das Gefühl in einem Jazz-Club an einem guten eingespielten Flügel zu sitzen.

Die Piano-Sounds des Electro 6 HP sind ohne Wenn und Aber sauber und detailreich gesampelt. Im Vergleich zu einem Digitalpiano geht die Perfektion des Klavier-Sounds beim Nord Electro 6 HP vielmehr ein lebhafter Charakter mit Charme und Verve. Dazu gehören nun mal ein paar Ecken und Kanten, die einen individuellen Touch ausmachen. Das gefällt mir sehr gut an den Sounds des Nord Electro 6 HP.

Meine Favoriten sind ganz klar die Upright-Klavier-Sounds. Gerade im Zusammenspiel mit einer Band oder im Zusammenhang mit Gesangbegleitungen wirken diese sehr realistisch. Was mir generell an den Sounds des Nord Electro 6 gefällt: Sie sind schön kräftig im Attack und klingen nachhaltig aus. Dazu ist das ganze Dynamikverhalten einfach großartig. Damit kann man einerseits gut Akzente herausspielen, und andererseits trägt der Sound, wenn man einfach mal Akkorde legen will.

Klavier-Sounds mit vielen Klangdetails und Piano-Simulation

Sehr schön ausgearbeitet ist der Key-Off-Effekt und die Sympathetic String Resonances. Diese Klangdetails sorgen für viel Authentizität bei Piano-Solo-Stücken. Möchte man hingegen im Band-Kontext rhythmisch sehr akzentuiert spielen, kann man drauf verzichten und schaltet sie einfach aus – sehr gut gelöst. Egal ob Grandpianos oder Upright-Pianos – die Sounds des Electro 6 HP spielen sich super. Es macht richtig Spaß, die Nuancen herauszuspielen.

Vintage E-Pianos & Keyboards

Das wäre dann auch der Schwerpunkt, der überhaupt auch namengebend für die gesamte Electro-Serie ist: Tasteninstrumente der 60er- und 70er-Jahre mit elektromechanischen Tonerzeugungen. Die meisten Sound-Presets enthalten verschiedene Versionen des Fender Rhodes E-Pianos: Mark I, Mark II, Mark V. Hier ist man wirklich akribisch vorgegangen und liefert diese Sounds jeweils als glockige und als eher trockene Variante, welche etwas aggressiverer Spielweisen unterstützt.

Mich begeistern auch beim Rhodes die Klangdetails im Attack und Key-Off sowie die dynamischen Ausdrucksmöglichkeiten. Sehr geschmackvoll und mit Know-how und Zuwendung für dieses besondere Vintage-Instrument gemacht. Aber auch das Wurlitzer ist mit zwei schönen Varianten vertreten. Sogar digitale E-Pianos aus den 80ern gibt es – darunter DX-7, MKS-20, das Piano aus der Korg M1 Workstation – sehr praktisch.

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Die Piano-Sektion des Nord Electro 6 bietet nicht nur exquisite Sounds beliebter Vintage E-Pianos, sondern auch Akustikflügel und Upright-Pianos.

Orgel-Sektion

Aber es gibt noch viel, viel mehr Vintage-Sounds zu entdecken – Liebhaber der Sounds aus den 60ern und 70ern kommen hier voll auf ihre Kosten: Die Orgel-Sektion mit detailgetreu nachgebildeten Orgeln enthält Hammond B3 sowie Transistor-Orgeln von Vox und Farfisa. Sogar eine Kirchen-Orgel gibt’s hier.

Beim Nord Electro ist die ORGAN-Sektion kein Beiwerk, sondern ein zentraler Bestandteil des Stage-Keyboard-Konzepts. Im Bedienfeld findet man daher auch die ganzen Zutaten einer Hammond B3: Rotary-Effekt, 2nd/3rd-Percussion, Chorus/Vibrato und nicht zuletzt die neun Drawbars, über welche die Fußlagen des Orgel-Sounds gemischt werden.

Was man nicht sieht: Das Nord Electro HP besitzt im Grunde zwei Manuale – man kann also eine MIDI-Tastatur anschließen, um diese dann als „Untermanual“ zu verwenden. Oder man spielt die Orgel-Sektion über eine Synthi-Tastatur, während man auf dem Electro HP Piano-Sounds spielt.

Sample-Sektion und Sound-Library

Neben den Sektionen PIANO und ORGAN gibt es als dritte Abteilung die SAMPLE SYNTH-Sektion. Hier finden sich Sounds, die man als Keyboarder gerne anbieten will: Synthesizer, Bässe, Gitarren, Vibraphone, Marimba, Strings und Brass. Mit Holz- und Blechbläsern als Soloinstrumente verschiedenster Ausführungen und Varianten gibt’s hier für meinen Geschmack etwas zu viel aus dem Orchestergraben.

Aber man kann die Auswahl ja selber gestalten. Dafür gibt es die für Nord-User kostenlose Nord Sample Library mit zahlreichen Sounds berühmter Vintage-Synthesizer, Mellotron & Co. Alle Sounds und Editor-Software kann man von der Homepage unter Nordkeyboards.com herunterladen.

Maximale Flexibilität bei der Sound-Auswahl!

Die Sounds lassen sich mithilfe des Nord Sound Manager vom Rechner aus auf das Nord Electro 6 hochladen. Der Vorgang ist aber nur einmal notwendig, denn nach dem Ausschalten des Geräts werden die Sounds im Speicher gehalten. Ebenso kann man sich der Nord Piano Library bedienen, um die PIANO-Sektion nach Belieben zu bestücken.

Hier kann man aus einem wahren Schatz an Piano-Sounds schöpfen, um seine eigene Sound-Auswahl im Nord Electro 6 zu  speichern. Maximale Flexibilität bei der Sound-Auswahl! Mit dem Speicherkonzept stellen Nord-Keyboards jedes andere Stagepiano in den Schatten.

Fazit: Für die Bühne gemacht

Fantastische Vintage-Sounds, lebhafte Akustikpianos, Orgelsounds vom Feinsten, extrem geringes Gewicht, robuste Hardware: Wie alle Nordkeyboards ist auch das Electro 6 HP ist für den Einsatz live on stage gemacht. Die 73er „Hammer Action Portable“-Tastatur erreicht im Vergleich zu anderen Stagepianos dieser Preisklasse keine Bestnoten, aber aufgrund der Gewichtsersparnis macht dieser kleine Kompromiss absolut Sinn – zumal die Tastatur ein gutes Spielgefühl vermittelt.

Der Zugriff auf Sound-Libraries for free in Verbindung mit dem flexiblen Speicherkonzept unterstreichen generell den professionellen Ansatz der Nord-Instrumente. Technische Neuheiten wie das unterbrechungsfreie Umschalten der Sounds und die Erweiterungen der Sample-Speicher machen das Nord Electro 6 einmal mehr zu einem höchst attraktiven Stage Keyboard für den Einsatz auf der Bühne und auch im Homerecording-Studio.

Trotz der zahlreichen Detailverbesserungen im Vergleich zum Vorgänger-Modell – ein kleiner Wunsch bleibt offen: Das „Durchschalten“ der Effekte und anderer Funktionen über die Toggle-Buttons gestaltet sich nach wie vor etwas umständlich.

Nord Electro 6 HP – Übersicht

Erhältlich seit: 05.2018
Tastatur: 73 Tasten Hammer Action Portable
Speicher: 1 GB für Nord Piano Library, 512 MB für Nord Sample Library
Polyphonie: 120 Stimmen (Piano), min. 30 Stimmen (Sample-Synth), Organ-Sektion vollpolyphon
Besonderheiten: Fokus auf Vintage-Sound elektromechanischer Instrumente. Tone Wheel Simulation der Nord C2D
Hersteller/Vertrieb: Nord, Sound-Service

Nord Electro 6 stimmungsvoll demonstriert

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