Ulf Kleiner Pianoskop - Klangreise ins Innere des Klaviers
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Ulf Kleiner Pianoskop

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Ulf Kleiner Pianoskop – eine Klangreise ins Innere des Klaviers. Schaut man sich in der deutschen Jazz-, Pop- und Soul-Szene ein wenig um, wird einem der Name Ulf Kleiner schon öfter begegnet sein. Der Pianist, Keyboarder und Produzent arbeitet seit vielen Jahren mit Künstlern wie Frank Spaniol, Jeff Cascaro, Fola Dada, Caro Trischler oder Ian Pooley. Aktuell hört man ihn auch vermehrt mit der Heidelberger Jazz-Lounge-Formation De-Phazz.  

Jazzfans ist er als Fender-Rhodes-Experte und Keyboarder mit einer Affinität für elektromechanische Pianos und analoge Sounds bekannt. Aufgewachsen in der Wagner-Stadt Bayreuth, lebt Ulf Kleiner seit über 20 Jahren in Mainz. In seinem “Sommerresidenz Studio” sind schon etliche Album-Produktionen entstanden.

Ulf Kleiner (Foto: Simon Hegenberg)
Ulf Kleiner (Foto: Simon Hegenberg)

Ulf Kleiner Pianoskop: Flügel unter’m Mikroskop…

Dieses Jahr veröffentlichte er sein Solo-Album “Pianoskop”: eine atmosphärische Mischung aus Minimal Music, Groove und Jazz, bei der sich alles im Inneren des Flügels abspielt und eindrucksvoll die unterschiedlichen Klangmöglichkeiten eines akustischen Flügels zeigt.

Ich treffe Ulf Kleiner in der “Sommerresidenz” und spreche mit ihm über die Anfänge seines musikalischen Schaffens, über sein erstes Solo-Album und natürlich über Keyboards!

Ulf, neben dem Klavier- und Keyboardspielen bist du ja auch seit geraumer Zeit als Produzent tätig. Was kam zuerst, das Klavierspielen oder das Produzieren?

Es fing auf jeden Fall mit dem Klavier an. Ich bin in Bayreuth aufgewachsen, in Oberfranken. Bei uns zu Hause stand ein Klavier, auf dem habe ich viel für mich selber gespielt und ausprobiert. Ich hatte auch klassische Klavierstunden, aber vor allem bin ich mit der Plattensammlung von meinem Vater aufgewachsen und habe immer versucht, Teile aus den Aufnahmen herauszuhören und nachzuspielen.

Du hattest vor dem Jazzstudium also gar keinen Jazzklavier-Unterricht?

Nicht wirklich – es gab damals keine so richtige Jazzszene in Bayreuth. Es war im Wesentlichen ein Selber-Durchwühlen – mit allen Vor- und Nachteilen. Der Nachteil ist, dass du manchmal nicht schnell vorankommst, der Vorteil aber, dass du früh anfängst, deinen eigenen Geschmack auszubilden, weil du erstmal gar nichts anderes hast. Du nimmst dir einfach das, was dir am besten gefällt und probierst aus. Dadurch bekommt man sehr viel eigene Erfahrung. Im Nachhinein kann ich diese positive Seite total schätzen, auch wenn Input von außen an der richtigen Stelle natürlich super gewesen wäre. 

Mit 16 oder 17 kam dann das Interesse, selber aufzunehmen. Ich hatte eine alte Vierspur-Bandmaschine geschenkt bekommen und habe damit angefangen, Klavier und Schlagzeug aufzunehmen. Auf einer heruntergestimmten Gitarre habe ich Bass gespielt und so weiter – das waren die ersten Gehversuche. 1991 habe ich mir bei Thomann mein erstes Hallgerät gekauft, ein Alesis Quadraverb. Das war natürlich tierisch und alles klang plötzlich groß und „professionell“ (lacht). Dann kam ein Atari 1040 dazu, als MIDI-Rechner mit Cubase und meinem ersten Synthesizer, einem Roland JV-80. Damit ging für mich eine neue Welt auf.

… so richtig cool wurde es erst, als ich irgendwann einen Sampler hatte – einen Emax II.

Hast du dann gewissermaßen die MIDI-Instrumente als Bandersatz verwendet?

Wenn ich jetzt darüber rückblickend nachdenke, könnte man das wohl so sagen. Das war allerdings alles andere als bewusst, denn wenn du keine Leute kennst, die das gleiche machen wie du, dann kommst du auch nicht auf die Idee, dass es da überhaupt welche geben könnte. Es gab halt auch kein Internet, wo du irgendwelche Videos anschaust und lauter Gleichaltrige siehst, die irgendwas machen, und du fragst dich: „Wo sind die denn alle her?“

Stattdessen wusste ich eben nur, dass ich Lust hatte, so Musik zu machen wie auf den Platten, die ich gerne mochte. Ende der 80er habe ich einen Radiosender gehört – der hieß „DT64“ aus Ostberlin – und der hatte damals immer Sendungen mit einem bestimmten Motto, zum Beispiel Rock oder Hiphop oder Anfang der 90er dann Raves, die live übertragen wurden. Von diesen Sendungen habe ich sehr viel Inspiration bezogen und wollte diese Elektronik-Sounds gerne nachbauen. Das ging mit dem JV-80 leider nur begrenzt, weil die coolen Drum-Sounds da natürlich nicht drauf waren. Da hat man dann versucht, mit den Möglichkeiten dieser Geräte eben so weit zu kommen, wie es irgendwie ging. Was in vielen Fällen auch gut geklappt hat, aber so richtig cool wurde es erst, als ich irgendwann einen Sampler hatte – einen Emax II.

In dieser Zeit habe ich noch recht viel in Richtung elektronischer Musik gemacht… um dann später irgendwann da zu landen, dass ich eben Platten selbst aufnehmen und arrangieren kann und die so machen kann, dass sie mir gefallen.

Ulf Kleiner Pianoskop - Video-Trailer zum Album

Ulf Kleiner Pianoskop entstand spontan und ungeplant

Apropos Platten aufnehmen: Du hast dieses Jahr dein erstes Solo-Klavier-Album veröffentlicht: Pianoskop. Kannst du kurz erzählen, wie die Idee zustande kam?

Es fing im März 2019 an, als ich gerade etwas Zeit für ein kleines, überschaubares Projekt übrig hatte. Gute Freunde haben hier in Mainz-Gonsenheim ein schönes Studio, den „Klangraum“, in dem viel Film- und Library-Musik aufgenommen wird. Im Klangraum steht auch ein sehr schöner Flügel. Ich bin dann dort hin, habe ein paar Mikrofone aufgestellt und hatte nur den Plan, Musik für die Klangraum-Library aufzunehmen. Das hat total gut funktioniert und es sind direkt die ersten zwei oder drei Skizzen entstanden. Und obwohl ich zuerst gar nicht daran dachte, meldete sich so eine Stimme und sagte: „Das könnte vielleicht sogar ein eigenes Album werden, wenn da noch ein paar Stücke zusammenkommen – also dranbleiben!“

Ich habe dann zwei Tage lang Material gesammelt und tatsächlich ziemlich schnell festgestellt: Das wird jetzt ein Album!

Letztendlich habe ich in etwa ein Jahr daran gearbeitet. Und so ist mein erstes Soloalbum unter eigenem Namen entstanden.

…und das völlig ungeplant.

Genau. Das war rückblickend eigentlich auch nur so möglich. Wenn ich mich hingesetzt und mir überlegt hätte, ein Klavier-Solo-Album zu machen, dann hätte ich mir sicher erstmal ganz viele Fragen gestellt: Wie kann ich mich abheben von dem, was es schon gibt? Gab’s das schon? Wie soll ich klingen? 

Ganz viele Gedanken, die es direkt schwer machen, unbeschwert Musik zu machen. Da das aber so aus dem Moment entstanden ist ohne genauen Plan, gab es keine Gedanken und ich habe einfach aufgenommen, was mir gerade eingefallen ist – und mich damit letztendlich unbeabsichtigt selbst überlistet!

Du hast erwähnt, dass du zwei Tage lang Skizzen eingespielt hast und erst später daraus Stücke gebaut hast. Wie funktionierte das?

Ich habe viele Loops eingespielt und dann mehrfach overdubbt, also weitere Takes darüber aufgenommen. Bei dem Stück Tubes Grande z.B. hört man bis zu 10 Hände – mit gedämpftem Bass, Akkorden, einem Puls, der getrommelt ist und dann gibt es noch Percussion- und Solo-Overdubs. Die Grundgerüste waren nach dem Aufnehmen schon da, aber genauer arrangiert habe ich erst im Nachhinein. 

Einige Aufnahmen habe ich unbearbeitet gelassen und höchstens ein paar Dinge weggenommen und „aufgeräumt“. Andere Stücke habe ich erst hinterher akribisch zusammengebaut. Ich liebe das, Aufnahmen zu arrangieren und mir genau das auszusuchen, was meinem Geschmack entspricht. Und das habe ich bei diesem Album sehr viel gemacht.

Ulf Kleiner Pianoskop: Aufnahme und Mix

Was mir beim Hören gleich aufgefallen ist: Der Flügel klingt sehr direkt…

Ja genau, konzeptionell war mir schon von Anfang an klar, dass ich den Flügel gerne sehr nah mikrofonieren möchte und dafür vergleichsweise leise spiele oder Saiten abdämpfe, zum Beispiel bei Bass-Läufen. Das ist ein Sound, auf den ich generell sehr stehe. Das muss überhaupt nicht eingeschlafen klingen, sondern kann total spannend sein – ist aber eben sozusagen das Gegenteil von „schreien“ (lacht). Und das fand mit einer Ausnahme alles unter den gleichen Mikrofonen statt.

Außer dem Flügel hört man noch verschiedene perkussive Klänge. Hast du alles vor Ort aufgenommen?

Ja, ich hatte noch ein paar Schellen und Zimbeln mitgebracht. Und Caxixis, die einen schönen weichen Sound haben und auf denen man auch sehr gut trommeln kann. Ich habe auch Gegenstände verwendet, die mir über den Weg gelaufen sind, zum Beispiel eine Tasse, die tierisch klang, wenn man die auf den Klavier-Saiten verschiebt (hört man auf Titel 8: Lost Tramway). Oder einen Bleistift, der mir zwischen die Stimmstöcke gefallen ist – ein cooler Sound. 

Ein Stück fällt klanglich etwas heraus: „Some owls never jack around“, das sogar ein wenig „clubbig“ klingt…

Das ist tatsächlich das einzige von den 20 Stücken, das von einer früheren Session stammt und bei dem ich auch ein Tape-Delay verwendet habe. Außerdem läuft so eine Art Bassdrum durch: Die habe ich aufgenommen, indem ich mit dem Handballen auf der Brust getrommelt und dann hinterher alle Höhen abgeschnitten habe. Aber vor allem lebt das Lied von einem Föhn, den ich damals aufgenommen habe! Manche Menschen stehen unheimlich auf den Sound von Haartrocknern und Staubsaugern, weil das für sie sowas Gemütliches hat. Dazu gehört auch meine damalige Freundin – für sie habe ich das Stück damals gemacht und deswegen spielt der Föhn eine zweitönige Melodie in dem Stück. Den habe ich natürlich nicht in den Flügel gehalten… Bei den anderen 19 Stücken hat aber wirklich alles wie in einer Theaterkulisse im Inneren des Flügels stattgefunden – mit den Mikrofonen immer an der selben Stelle.

Wie viel hast du an den Aufnahmen später überhaupt noch gemischt?

Tatsächlich nicht besonders viel. Es ist immer so eine Entscheidung beim Klavier: Du kannst es so aufräumen, dass es nie wummert und die Räume, in denen du das abspielst, nie gefährlich sind. Aber auf der anderen Seite wird es dann gerne mal kühl. Ich habe das alles drin gelassen, weil dieser warme und nahe Ton das Album ausmacht.

Und wie sah es dann mit dem Mastering aus?

Es gab kein Mastering! Ich habe die Aufnahmen zwei befreundeten Mastering-Engineers gezeigt, die ich sehr schätze und beide haben mir empfohlen: „Lass es doch so!“. Insofern ist der Sound ziemlich natürlich geblieben. Aber ich habe die Stücke schon entsprechend „vorbereitet“, ein wenig equed und die, die es gebraucht haben, etwas lauter gemacht.

Ulf Kleiner (Foto: Simon Hegenberg)
(Foto- Simon Hegenberg)

Ulf Kleiner über Vintage E-Pianos

Lass uns mal über Keyboards sprechen. Die meisten Leute kennen dich ja als passionierten Fender-Rhodes-Spieler. Gab es eine Geschichte, wie du zum Rhodes kamst?

Die Geschichte ist ziemlich einfach: Als ich Ende der 90er in den deutschen Jazzclubs unterwegs war, standen dort vor allem abgespielte Klaviere in nicht so tollem Zustand. Ich habe mich regelmäßig in der Situation gesehen, wie Schlagzeug, Bass und Saxophon einen tierischen Sound hatten, und ich saß am Klavier und dachte, eigentlich klingt es am besten, wenn ich nicht spiele.

Das Klavier ist sowieso das leiseste Instrument in der Band und wenn es dann noch wie ein Cembalo klingt, hat das mit Charme überhaupt nichts mehr zu tun. Ich hatte mir davor schon ein Rhodes gekauft und hatte das dann einmal beim Gig dabei. Die anderen haben gesagt, das bleibt jetzt. Seitdem bin ich mit dem Ding unterwegs! Es hat einfach viel besser gepasst, hatte viel mehr Wärme und klang gleichbleibend. Das ist ja ein großes Thema für Pianisten: sich auf einen Flügel einzustellen. Man sagt ja immer, es ist gut, sich außerhalb der Komfortzone zu bewegen, aber wenn ein Flügel nicht gut klingt oder man ihn nicht gut kontrollieren kann, dann ist das leider eher grausam.

Hattest du das Rhodes damals auch schon mit Effekten gespielt, so wie heute?

Nein, damals hatte ich erstmal einfach ein Rhodes und einen Amp. Irgendwann habe ich angefangen, ein bisschen daran herumzuschrauben und es einzustellen und war damit erstmal glücklich. Über die Jahre kamen dann immer mal Effekte dazu, die ich ausprobiert habe. Und wenn sie mir gefallen haben, sind sie geblieben.

Welche Effekte sind geblieben?

Ich habe einen Moogerfooger Phaser, der ganz toll klingt, allerdings rauscht er ein wenig. Dann habe ich den Boss CE-2 (Chorus), den ich gerne mag, weil er auch ein bisschen verzerrt, allerdings klingt er auch schnell cheesy. Tape-Delay klingt natürlich auch tierisch, ich habe zwei Stück davon, die bleiben aber meistens zu Hause. Außerdem habe ich noch ein paar Verzerrer, ein altes MXR Auto-Wah – und natürlich das Suitcase-Tremolo. Manchmal mache ich noch ein paar Effekte mit dem Rhodes und Ableton Live…

Wie puristisch bist du, was die Originale angeht, und wie stehst du zu den ganzen Simulationen, Stage-Pianos und Plug-Ins?

Ich habe meinen Roland JV-80 damals echt geliebt, d.h. ich habe keine Berührungsängste mit digitalen Klangerzeugungen. Aber tatsächlich ist es so, dass ich bei Rhodes- oder Klaviersounds bisher noch keinen Weg gefunden habe, mit diesen Simulationen so zu spielen, dass es für mich wirklich Spaß macht. Das Problem ist gar nicht die eigentliche Klangerzeugung, sondern ich kriege das einfach mit meiner auf Rhodes oder Klavier trainierten Hand nicht auf ein MIDI-Masterkeyboard übertragen, weil es eine ganz andere Velocity-Range hat. Da ist immer viel zu früh Schluss für mich, und wenn man noch härter drückt, verändert sich nichts mehr. Für ein Solo ist das furchtbar! Und beim echten Rhodes oder Flügel geht das natürlich.

Für Orgeln hast du mir mal ein gutes Plug-In empfohlen, das ich sehr gerne benutze: Blue3 (von GG-Audio, Anm. d. Red.). Ich habe aber auch eine CX3 und den Neo Instruments Ventilator, die super klingen: Eine Kombination aus immerhin einem analogen Klon und einer coolen Leslie-Simulation. 

Eine echte B3 ist natürlich einfach ein Erlebnis, weil um dich herum alles vibriert und das Leslie dabei viel ausmacht. Ich habe übrigens bei einer Crowdfunding-Kampagne für ein neues Keyboard mit einem sehr interessanten Konzept mitgemacht: Osmose von Expressive E – da bin ich sehr gespannt darauf.

Ulf Kleiner mit coolen Rhodes-Sounds

Ulf Kleiner über Kollaborationen & Veröffentlichungen

Gab es außer Pianoskop dieses Jahr noch andere Veröffentlichungen und woran arbeitest du aktuell?

Es gab erfreulicherweise in den letzten Monaten einige schöne Aufnahmen, zum Beispiel das Album North e Sul von Caro Trischler. Gerade ist die CD des Saxophonisten Chris Zimmer aus Mainz fertiggeworden, der auf dem ganzen Album nur Flöte spielt: „The Swamp Thang“. Ein 70s-Groove-Album, das ich auch produziert habe und das im März erscheinen wird. Und im November kam das Weihnachtsalbum von De-Phazz heraus mit dem Namen Music to Unpack Your Christmas Present, bei dem ich viel Klavier spiele. Witzigerweise gibt es auch eine Nummer, bei der ich mit Caro Trischler im Duett singe. Von Ian Pooley wird es eine Remix-EP von Tubes Grande geben und ich werde für Pianoskop ein paar Musikvideos machen, die demnächst erscheinen werden – auch eine sehr spannende Welt. Und – am 29.1.2021 darf ich als Gastsolist bei der HR Bigband ein Headhunters/Zawinul-Programm mitspielen – darauf bin ich natürlich sehr gespannt!

Vielen Dank für das Interview, Ulf!

Jubiläumskonzert: 25 Jahre Ulf Kleiner in Mainz

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