Tom Blankenberg: Atermus – Piano-Solo

Tom Blankenberg beim Wohnzimmerkonzert
Wohnzimmerkonzert: Tom Blankenberg am CP70. Das Bild stammt aus dem Video zum Titel Tori, welcher auch auf dem Album Atermus zu hören ist.

Teletransportation – es gibt sie tatsächlich. Man braucht dazu gute Kopfhörer und dieses Album: Tom Blankenberg Atermus. Der Düsseldorfer Sounddesigner und Musiker liefert damit ein Debütalbum ab, das schwer einzuordnen ist. Es bewegt sich irgendwo im Raum zwischen Neoklassik und Ambientjazz, was aber wenig über diese wunderbaren Piano-Solo-Stücke sagt. Minimalistisch und intim. Jedes ein Kosmos für sich. Und gleich mit den ersten Tönen beamen sie dich in andere Welten.

...jazzig, ohne Jazz zu sein.

Tom Blankenberg ist eigentlich Sounddesigner, Produzent und Komponist – sein Arbeitsumfeld: Das Convoi-Studio, in welchem er Post-Produktion für Film und TV, Sprachaufnahmen und auch Filmmusik macht. Ansonsten kennt man Tom als Keyboarder der Düsseldorfer Combo Subterfuge, wo sein Bruder Kai Blankenberg (Skyline-Tonfabrik.de) Bass spielt.

Als Pianist ist Tom Blankenberg in letzter Zeit bei einigen Wohnzimmerkonzerten in Erscheinung getreten, insofern landet sein Debütalbum quasi from outer space bei uns. Ich bin erst mal erstaunt, dass er bei unserem Treffen in seinem Studio gleich zu Anfang abwinkt: „Um ehrlich zu sein, ich bin eigentlich gar kein richtiger Pianist. Und das Live-Spielen ist für mich ein wenig unbekanntes Terrain. Bei Subterfuge hatte ich als Keyboarder ja meinen klar definierten Platz im Sound. Solo-Piano zu spielen allerdings ist etwas ganz anders. Mit Atermus kommt das erst jetzt so richtig auf mich zu glaube ich. Ich spiele zwar gelegentlich, aber das sind nur kleine und oft spontane Gigs“.

Ist das dann improvisierte Musik?

Nein, das ist alles vorbereitetes Material. Ich bin auch gar nicht so gut im Improvisieren. An der Spielerfahrung mangelt es zwar nicht, aber ich habe nie gelernt, auf dem Klavier spontan zu improvisieren.

Erstaunlich, denn die Stücke auf deinem Album klingen für mich oft nach Improvisation.

Es gibt da gewisse Spielräume, die ich mir erlaube, aber die sind gar nicht so groß. Bei dem Wort Improvisation bin ich immer etwas vorsichtig. In meiner Wahrnehmung ist das z.B. etwas, das Jazzmusiker machen: Die gehen auf die Bühne, improvisieren und die Sache ist damit abgeliefert. Bei den Stücken auf Atermus handelt es sich aber weitgehend um durchkomponierte Stücke.

Dennoch klingt es, als würdest du frei spielen…

Das liegt vermutlich an der Art, wie ich komponiere. Meine Stücke entstehen, während ich Klavier spiele. Es ist so ein Herantasten, eine Art extrem verlangsamte Improvisation könnte man auch sagen. Keines der Stücke auf Atermus ist an einem Tag entstanden. Ich kann das nur bis zu einem bestimmten Bogen. Dann muss es erstmal ein paar Tage ruhen, bevor ich mich erneut damit beschäftige. Irgendwann kommt dann das nächste Mosaiksteinchen hinzu, und das Stück wächst weiter.

Tom Blankenberg - November

Am liebsten spiele ich zuhause auf meinem Yamaha CP70.

Nimmst du dann mit einem Sequenzer auf?

Nein, das mache ich nicht. Ideen nehme ich natürlich schnell mal auf, ganz einfach mit meinem Handy. Das liegt immer auf dem Piano. Wenn ich dann das erste Mal eine Notiz in der DAW mit einem Plug-in aufnehme, ist das Stück eigentlich schon fertig. Es geht mir dann hauptsächlich darum, das Stück zu fixieren.

Wenn du eine Komposition beginnst – gibt es da eine bestimmte Idee oder eine Atmosphäre, die du erzeugen willst?

Ich bin mir unsicher, ob ich den Begriff „Wollen“ für mich benutzen möchte. Eigentlich mache ich das, was mich gerade anspricht. Es gibt schon den Moment, dass ich etwas erzählen will. Aber in der Regel setze ich mich ans Piano und spiele etwas. Und das, was dann ein bisschen herausguckt, das schaue ich mir dann näher an.

Auf welchem Instrument komponierst du am liebsten – akustisch oder elektronisch?

In unserem Studio steht zwar ein Flügel, aber hier ist einfach zu viel los. Am liebsten spiele ich zuhause auf meinem Yamaha CP70. Ich habe auch das Gefühl, dass ich auf diesem Piano am meisten zulassen kann. Aber den Flügel nutze ich immer wieder für den Reality Check, um zu überprüfen, ob die Kompositionen funktionieren.

Tom Blankenberg während der Aufnahmen im Studio (Foto: Yoon-ha Chang)
Tom Blankenberg während der Aufnahmen im Studio (Foto: Yoon-ha Chang)

Hast du das Album dann hier im Skyline Studio aufgenommen?

Nein, das war im Van-Heys-Studio in Kleve auf einem Steinway D Konzertflügel – mit Ausnahme des letzten Stücks Nesuto, welches ich mit dem Flügel hier aufgenommen habe. Man hört das auch: Es knackt hier und dort, und es klingt sehr weich. Ich wurde auch gefragt, warum ich nicht komplett mit dem Flügel aufnehme, er würde doch so charmant klingen. Ich habe mich aber für den Steinway in Kleve aus einem bestimmten Grund entschieden: Ich wollte nicht etwas über den Klang erzählen, sondern über die Musik.

Mit über den Klang erzählen – meinst du damit den stark in Richtung Atmo gefärbten Klavierklang, den man in der Neoklassik gerade sehr viel hört?

Dieser mit Filz gedämpfte Upright-Sound mit all den Nebengeräuschen, das ist in der Tat sehr schön, aber ich sehe meine Musik anders. Es sollte möglichst viel Song sein und möglichst wenig Atmosphäre über eine bestimmte Klangwelt. Sowas sollte eigentlich in dem Song drin sein. Deswegen wollte ich in gewisser Weise ein normales Setup für das Instrument – nichts Steriles, aber etwas Gültiges.

Dieser Filzpiano-Sound hat schon etwas sehr Intimes, am besten dazu noch ein paar Kerzen aufstellen – einfach wunderschön. Aber ist man damit thematisch nicht auch sehr festgelegt?

Für ein paar Stücke wäre es vielleicht sogar richtig schön gewesen, mit einem Upright aufzunehmen. Aber ich hatte den Gedanken eigentlich nie. Es sollten eben im Kopf keine Kerzen da sein.

Tom Blankenberg - Tori

Manche Elemente in deinen Stücken erinnern an Ryuichi Sakamoto. Auch er spielt seine Piano-Solo-Stücke mit einem Konzertflügel ein, der zwar unglaubliche Nähe und Tiefe vermittelt, immer aber klar und transparent aufgenommen ist. Aber auch musikalisch: Viele deiner Stücke klingen jazzig, ohne Jazz zu sein…

Keine Einwände bzgl. Sakamoto – ganz im Gegenteil. Und „jazzig, ohne Jazz zu sein“ – eine wirklich schöne Beschreibung. Aber ich kann dir echt nicht sagen, was einen Akkord jazzig klingen lässt. Ich kenne diese Regeln nicht, was ich aber für mich ganz fruchtbar finde, da ich mich von Regeln auch nicht ablenken lassen kann.

Kompliment! Da hört man wirklich tolle Voicings und Melodiebögen.

Da sind natürlich viele Akkord-Voicings, aber sie sind auf intuitive Weise entstanden und nicht durch theoretisches Wissen.

Atermus ist dein erstes Solo-Projekt – hast du schon eine Idee, wie es weitergehen soll?

Mit der Veröffentlichung kommt für mich noch einiges an Arbeit zu. Die Website updaten, eine Tour vorbereiten – wenn das alles geschafft ist, werde ich mal weiterschauen. Ich möchte auf jeden Fall beim Live-Spielen mehr Routine erreichen.

Tom Blankenberg Atermus

Das Album ist auf dem Label Less Records erschienen, das Tom mit seinem Bruder Kai Blankenberg gegründet hat.

Tom Blankenberg Atermus gibt es als Vinyl, CD und Stream

Tom Blankenberg Atermus ist auf Vinyl und CD Stream erhältlich; Label: Less Records

Atermus als Musik-Downloads

Amazon,  iTunesGoogleplay

Und bei folgenden Streaming-Plattformen

Deezer, Tidal, Spotify

Tom Blankenberg Atermus – Links

Toms Websites
bei Less Records und Convoi Studios

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