Leo Tardin Collection Live - Jazz Piano Solo

Leo Tardin Collection Live – Jazz Piano Solo

Leo Tardin Collection Live Location Swimmingpool
Leo Tardin Collection Live - Konzert-Location im Swimmingpool (Foto: Patrick Gillieron)

One Take, no Edits, no Cuts – der Genfer Jazz-Pianist Leo Tardin ist ein Meister des Moments. Sein zweites Solo-Album „Collection Live“ ist eine Sammlung von 23 Live-Aufnahmen, die bei seinen Piano-Solo-Konzerten in zum Teil sehr ungewöhnlichen Locations entstanden sind. Bemerkenswert dabei ist das kreative improvisatorische Element, welches jedes Konzert von Leo Tardin zum Unikat macht.

Leo Tardin lässt sich zu gerne von der Atmosphäre einer Konzert-Location inspirieren. Der Klang des Konzertflügel, die Raumakustik – während die meisten Pianisten bei diesen Faktoren möglichst keine Überraschungen erleben möchten, scheint es bei Leo genau umgekehrt zu sein. Viele seiner Konzerte finden in Locations statt, die eigentlich gar nicht für Konzerte gedacht sind: Industriegebäude, uralte Gewölbe, sogar in einem ein leeren Swimmingpool hat er ein Stück für das aktuelle Album aufgenommen.

Leo scheint geradezu das Unvorhersehbare zu suchen, denn es beeinflusst seine von Improvisationen geprägten Konzerte. Man möchte spontan an Keith Jarretts „Köln Concert“ von 1975 denken, aber Leo hat seinen ganz eigenen Stil entwickelt. Er spielt mit traditionellen Formen, um beim nächsten Atemzug das Bild zu wechseln: Mal modern minimalistisch, mal lyrisch impressionistisch. Faszinierend, wie er simpel anmutende Melodien mit spielerischer Leichtigkeit mit komplexer Jazz-Harmonik kombiniert. Vor allem aber ist Leo Tardin eines: überraschend!

Leo Tardin - Variations on a Knight’s Tale

Leo Tardin Collections Live – wie die Aufnahmen entstanden

Dein aktuelles Album besteht hauptsächlich aus Live-Aufnahmen. Mit dem Material bist du gerade auf Tour. Entstehen dabei weitere Aufnahmen?

Ja, obwohl das Album ja schon erschienen ist, mache ich mit den Aufnahmen weiter. Es gibt bei den Konzerten immer besondere Momente, die möchte ich unbedingt festhalten.

Nimmst du immer jeden Gig auf?

Meistens, ja. Wenn ich sicher sein kann, dass der Flügel gut genug ist, dann nehme ich immer auf. Das ist natürlich immer mit etwas Aufwand verbunden – es ist dann ein Recording Engineer dabei, der bezahlt werden muss. Und nach einer Tour hast du vielleicht 20 verschiedene Aufnahmen, die gemischt werden müssen. Aber ich denke, der Aufwand ist es wert. Selbst wenn ich nicht 100%ig weiß, was ich mit dem aufgenommenen Material machen werde.

Bei dem Album- wurden die Aufnahmen an einem Ort gemacht?

Oh, nein! Das waren 20 Konzerte an verschiedenen Orten, und nur an einem Ort habe ich vier Tage am Stück gespielt. Ansonsten aber waren es immer verschiedene Locations und jedes Mal ein anderer Flügel, andere Akustik und ein anderes Publikum. Das ist auch das Reizvolle an dem Projekt, denn so wird ein und dasselbe Stück jedesmal anders klingen.

Ist es nicht schwierig, sich immer wieder neu auf ein Piano einzustellen?

Auch das ist jedes Mal irgendwie anders. Manchmal habe ich etwas mehr Zeit beim Soundcheck, manchmal geht es fast direkt los. Ich beginne immer mit einer freien Improvisation. Ich würde schätzen, es sind die ersten 10 Minuten des Konzerts. Aber im Grunde lerne ich so das Instrument kennen und kann mich auf die Akustik einstellen. Es bringt mir nicht viel, wenn ich mich in einem leeren Saal versuche, auf den Flügel einzustellen. Denn sobald das Publikum dabei ist, klingt alles wieder ganz anders.

Da ich so vorgehe, war es auch absolut gut, so viele verschiedene Aufnahmen zu haben. Denn nicht jeder Take war für meinen Geschmack stark genug, um ihn auf dem Album zu veröffentlichen. Von jedem Konzert hatten letztendlich 15-20 Minuten das richtige Niveau.

Ich stelle es mir sehr spannend vor, jedesmal eine neue Situation vorzufinden. 

Es waren schon zum Teil wirklich ungewöhnliche Venues dabei. Der wohl ungewöhnlichste Ort war ein leerer Swimmingpool. Das Piano stand auf dem Grund des Swimmingpools sowie auch das Publikum. Der Sound war wie in einer Kathedrale. Bereits diese spezielle Atmosphäre hatte einen starken Einfluss auf meine Performance. Insofern war ich heilfroh, dort auch eine Aufnahme gemacht zu haben. Denn so eine Situation kannst du in einem Aufnahmestudio niemals bekommen.

Leo Tardin Collection Live in Concert

Live-Location als Inspirationsquelle

Aber ich bekomme beim Hören der Stücke auch den Eindruck, dass du dich gerne von der Location inspirieren lässt.

Auf jeden Fall. Natürlich hat man als Musiker so eine Idee von der perfekten Situation. Da ich mich aber immer wieder aufs Neue einstellen muss auf das Instrument, die Akustik und die Umgebung, bringt es mich in die Situation, mein Spiel anzupassen. Und sei es aus dem Grund, dass ich gerade mit dem Piano kämpfe, der Raum fast keine Reflektion hat oder viel zu viel. Auf mich hat all das – wie ich finde – einen positiven Einfluss. Denn mit all den Dingen, die ich nicht kontrollieren kann, steigt die Kreativität. Ich muss eine Lösung finden für die Situation, auch wenn das Piano mal nicht so toll ist.

Kannst du noch ein Beispiel nennen?

Bei einer der Aufnahmen war eine wirklich außergewöhnliche Akustik. Hinter der Bühne war eine Art Glaskuppel, und während des Konzerts regnete es so stark, dass man den Regen gegen die Fenster prasseln hören konnte. Ich hätte das nicht so geplant oder vielleicht gewollt, aber es passierte nun mal. Es ist nicht nur, dass man den Regen auf der Aufnahme hört, es beeinflusst dich emotional während du spielst.

Bei dem Stück Avalanche darf man dann aber entgegen der Erwartung keine Lawine im Hintergrund hören…

Nein, das ist es nicht (lacht). 

Ich hätte aber auch musikalisch etwas sehr lautes, vielleicht sogar Geräuschhaftes erwartet. Aber ganz im Gegenteil – das Stück klingt vielmehr friedvoll. Wolltest du damit einen gegenteiligen Ausdruck erzeugen?

Ich habe mit dem Titel das Spektakuläre und die Schönheit der Berglandschaft ausdrücken wollen. Avalanche hat mit Bergen zu tun und das Wort ist im Englischen und Französischen das gleiche, und es hat genug, um das Bild einer Berglandschaft hervorzurufen.

Ich lasse mich gerne spontan leiten: Jede Idee bringt eine neue hervor...

Mich hat die Lawine – wenn auch leise – auf jeden Fall mitgenommen. Überhaupt haben viele Passagen und Stücke von dir etwas Kontemplatives. Ganz besonders das erste Stück auf dem Album. Sehr rhythmisch mit repetitiven Elementen, wobei du sehr mit Farbschattierungen der Töne arbeitest. Man könnte meinen, es ist wie elektronische Musik, nur eben akustisch.

In der Tat ist es sehr rhythmisch, anfangs sogar etwas harsch, dann mit stark wiederholendem Charakter. Es hat einen Grund, dass es so klingt. Und wieder würde ich das auf die Location zurückführen. Das Konzert fand in einer alten Fabrikhalle statt, die eigentlich nicht für Konzerte ausgestattet ist. Eine sehr ungewöhnliche Location: Ein riesiger karger Raum, irgendwie rund wie eine riesige Kuppel aus Beton und Glas.

Das Piano war in der Mitte und die Leute saßen überall drumherum. Die Abendsonne fiel durch die großen Fensterfronten herein. Dieser Ort hatte definitiv etwas Kontemplatives, irgendwie wirkte es sogar ruhig. Vermutlich  wollte ich aus diesem Grund heraus, etwas Lebhaftes spielen, mit dem ich das Publikum ein wenig aus der ruhigen Atmosphäre heraus aufwecken konnte – daher das starke rhythmische Element. Das Stück hatte ich eigentlich gar nicht geplant.

Dann wiederum die sehr ruhig wirkende Improvisation als „Out of Nowhere“-Version, mit der man harmonisch nur so mitschweben möchte…

Es ist ein bisschen auch die Idee bei meinen Konzerten, mit einer Improvisation zu beginnen. Ich lasse mich gerne spontan leiten: Jede Idee bringt eine neue hervor und bringt dich zu einem wieder neuen Stück. Ich habe für die Konzerte natürlich eine gewisse Liste von Stücken. Aber auch da lasse ich mich ganz von meinem Gefühl leiten. Manchmal spiele ich im Laufe des Konzerts spontan ein Stück, das ich eigentlich gar nicht vorgesehen hatte. Oder ich überspringe ein bestimmtest Stück, von dem ich den Eindruck habe, es könnte jetzt für den Moment nicht passen. Es kommt ganz darauf an, wie mich die Atmosphäre inspiriert, wie ich den Klang des Raums empfinde oder das Publikum spüre.

Leo Tardin Collection Live - Making-of…

Komposition & Improvisation

Dennoch bekomme ich beim Hören deiner Stücke den Eindruck, dass – egal, ob Improvisation oder nicht – immer ein kompositorischer Background vorhanden ist. 

Das ist richtig. Dieses Projekt setzt sich zusammen aus Improvisationen und komponierten Melodien. Ich meine damit komponierte Elemente, die eine klare Melodie-Qualität besitzen. Jedoch lasse ich nach einem Thema stets Raum, um darauf zu improvisieren. Ich würde sagen, dass meine Konzerte sich 50:50 aus strikt freier Improvisation und Komposition zusammensetzen. Ich lasse mir da alle Freiheiten. Ich kann auch mit einer freien Improvisation beginnen, die mich dann zu einem komponierten Thema führt. Also ich nutze die Kompositionen sozusagen als Start- und Landepunkte.

Dass bei dem Album viel Komposition dahintersteckt, kann man sicher mithilfe des Songbooks nachvollziehen, das du parallel zum Album veröffentlicht hast.

Stimmt! Das Projekt ist ja deutlich mehr als das dreifache CD-Album. Die Idee zum Songbook kam durch die Email einer Konzertbesucherin. Sie sagte mir, dass ihre 10-jährige Tochter das Stück“Into The Light“ von meinem ersten Album gerne auf dem Klavier lernen möchte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich meine Musik nie aufgeschrieben und ich dachte, okay: Dann schreib’ ich das mal runter.

Es gibt dann auch eine Reihe von sehr cool gemachten Tutorials auf Youtube, wo du mit einem Yamaha Electone Keyboard zeigst, wie man die Stücke lernen kann.

Beim Transkribieren von „Into The Light“ stieß ich auf ein paar knifflige Fingersätze. So kam die Idee zu den Video-Tutorials. Das Keyboard habe ich nur aus dem Grund gewählt, da man es dank Batteriebetrieb überall spielen kann. Die Tutorials sind gleichzeitig auch eine Tour zu interessanten Orten in Genf. Es hat riesig Spaß gemacht. Im Nachhinein kann ich nun sagen, es war gut, dieses Songbook zu machen. Um die Songs zu spielen, muss man kein Profi sein. Ich biete es nach den Konzerten als Merchandise an. Es freut mich auf jeden Fall, dass es vom Publikum so positiv wahrgenommen wird.

Leo Tardin Collection Live CD plus Songbook
Neben dem 3fachen CD-Album ist auch das Songbook von Leo Tardin eine Empfehlung.

Leo Tardin Collection Live – Album Info

Label: M=MAXIMAL LC 29238 / a division of syncron-arts GmbH
Format : TRIPLE ALBUM CD | DL | STREAMING
EAN : 7640153369536

Leo Tardin Songbook

Neun Kompositionen des Album „Collection Live“ von Leo Tardin gibt es in transkribierter Form. Leo Tardin selber betont, dass die Notationen möglichst einfach gehalten sind, um Allen zu ermöglichen, die Stücke zu spielen. Das Songbook kann man auf Leos Konzerten erwerben oder über die Website bzw. seinen Bandcamp-Account bestellen. Das Songbook ist begleitend zum Album empfehlenswert auch als Arbeitsmaterial, um eigene Improvisationen zu entwickeln.

Verlag: Sympaphonie
ISBN: 7640148330114

Video-Story über Leo Tardin

Weblinks zu Leo Tardin

Website: www.leotardin.com
Bandcamp: leotardin.bandcamp.com/merch

Leo Tardin muss man live erleben – hier geht’s zu den aktuellen Konzert-Hinweisen

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