Piano-VST: Klavier spielen mit dem Musik-Computer

  • Piano-VSTs sind eigentlich für die Musikproduktion mit dem Audio-Rechner konzipiert. Man kann sie grundsätzlich aber auch zum Klavierspielen nutzen.
  • Für ein optimales Spielgefühl empfiehlt es sich, eine gute Tastatur mit Hammermechanik an den Audio-Rechner anzuschließen.
  • Piano-VSTs bieten meistens weitreichende Möglichkeiten, den Piano-Sound bis ins kleinste Detail im Klang- und Spielverhalten einzustellen.
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(Bildquelle: XLN Audio)

Mit einem Piano-VST Klavier spielen – eine clevere Lösung, die obendrein preiswert erscheint. Deutlich günstiger als ein Digitalpiano ist der Spaß aber nur auf den ersten Blick, denn außer der Software benötigt man noch einiges mehr – selbst wenn ein Rechner grundsätzlich vorhanden ist. Also was genau ist ein Piano-VST und worauf muss man beim Kauf achten?

Neben einem leistungsfähigen Audio-PC braucht man eine gute gewichtete Tastatur mit Hammermechanik.

Es wäre ja wirklich zu schön, um wahr zu sein: Man investiert ein paar Euro und hat einen amtlichen Piano-Sound am Start – so einfach ist es leider nicht. Eines stimmt auf jeden Fall: Piano-Sounds in Studioqualität, mehrere Gigabytes umfassende Sound-Libraries – alles das gibt es tatsächlich für kleines Geld. Um aber in den wahren Spielgenuss zu kommen, braucht es weit mehr als nur die Software. Schließlich geht es nicht allein um den guten Sound, sondern auch um ein möglichst authentisches Spielgefühl.

Neben einem leistungsfähigen Audio-PC braucht man eine gute gewichtete Tastatur mit Hammermechanik. Damit wäre die Mindestausstattung vorhanden, die man mit einem vernünftigen Audio-Interface, einem Kopfhörer oder besser noch guten Studio-Monitoren ergänzt. Wer also all das anschaffen möchte, bloß um Klavier zu spielen, steht vor einer nicht gerade kleinen Investition. Wer ohnehin mit dem Rechner Musik macht und das ganze Zubehör bereits hat, fährt mit einem Piano-VST tatsächlich recht günstig.

Wer in puncto Tastatur und Spielgefühl keine Kompromisse machen möchte, sollte beim Masterkeyboard nicht sparen. Als Masterkeyboard mit Holztasten ist der Kawai VPC1 Virtual Piano Controller ein heißer Tipp.

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Masterkeyboard mit Holztasten und exzellenten Spieleigenschaften: Kawai VPC1 Virtual Piano Controller

Was ist ein Piano-VST?

Der Begriff wird häufig genutzt und ist ein anderes Wort für Software-Piano. Die Abkürzung VST steht für Virtual Studio Technology – eine Erfindung des deutschen Software-Herstellers Steinberg. Mit Cubase VST führte Steinberg in den späten 1990er-Jahren die VST-Schnittstelle ein. Damit konnte man zum ersten Mal virtuelle Instrumente als Plug-in in den Software-Sequenzer integrieren. Auch bei den Piano-Software-Instrumenten war Steinberg ganz weit vorne dabei und brachte mit The Grand eines der ersten Piano-VSTs überhaupt auf den Markt. Diesem Vorbild folgten viele Software-Pianos anderer Hersteller. 

Über Plug-ins, Formate und Standalone-Applikationen

Der Begriff Piano-VST ist allgemein gebräuchlich – hinsichtlich der vielen verschiedenen Erscheinungsformen von Software-Instrumenten aber leider auch etwas schwammig. Wenngleich es ein genialer Schritt von Steinberg war, die VST-Schnittstelle für öffentlich zu machen für alle Plug-in-Entwickler, haben andere Software-Hersteller eigene Schnittstellen-Formate entwickelt. So kann man grundsätzlich wählen zwischen 

  • VST – Virtual Studio Technology von Steinberg wird von (fast) allen anderen Software-Herstellern unterstützt (Mac und PC)
  • AU – Audio Unit: Die Plug-in-Schnittstelle auf dem Mac. Die Firma Apple kocht hier ihr eigenes Süppchen: Die Sequenzer-Software Logic unterstützt ausschließlich AU – alle anderen bleiben außen vor.
  • AAX – Avid Audio Extensions: Avids Schnittstelle für native Audio-Plug-ins. 
  • RTAS – Real Time Audio Suite: Die Plug-in-Schnittstelle von Avid (Mac und PC)
  • MAS – MOTU Audio System, die Plug-in-Schnittstelle von MOTU Digital Performer (Mac und PC)

Die meisten Software-Pianos werden in den verschiedenen Formaten geliefert, und die meisten Programme (Ausnahme: Apple Logic) unterstützen als großen gemeinsamen Nenner VST. Man darf also immer davon ausgehen, dass man sein „Piano-VST“ immer zum Laufen bekommen wird. 

Die Standalone-Applikation ist der einfachste Weg, ein Software-Piano zu spielen. Auch damit können die meisten Software-Pianos dienen. Das Instrument kann so auf dem Rechner gestartet werden, ohne dass dafür ein Sequenzer-Programm benötigt würde. Wer also nur Klavier spielen möchte mit einem Software-Piano, sollte bei der Installation darauf achten, dass auch die Standalone-Version installiert wird bzw. eine solche überhaupt vorhanden ist.

Was ist der Unterschied zwischen Piano-VST und Piano-Library?

Ein Piano-VST ist ein in sich geschlossenes Software-Instrument. Arbeitet dieses mit Sampling, dann ist technisch gesehen eine Piano-Library die Grundlage. Ansonsten aber ist eine Piano-Library eine klassische Sampling-„Bibliothek“, die für die Erweiterung eines Software-Instruments geschaffen wurde. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass eine Library allein nicht ohne das benötigte Software-Instrument spielbar ist. Die am meisten verbreitete Sampling-Plattform ist der Software-Sampler Native Instruments Kontakt.

Weitreichende Edit-Möglichkeiten

Die meisten Software-Pianos bieten sehr detaillierte Möglichkeiten der Klanggestaltung. Daran zeigt sich auch ihr primäres Einsatzgebiet in der digitalen Musikproduktion, denn hier sind individuelles Klang- und Spielverhalten gefragt. Bei einigen Software-Pianos wie z.B. Modartt Pianoteq oder XLN Additive Keys ist die Simulation einer Studio-Aufnahme das Ziel: Der Klang eines Konzertflügels wird hier mit der Wahl und Positionierung der Mikrofone komponiert. Außerdem lassen sich meistens Klangdetails wie Damper Noise, Saitenresonanzen, Key-off-Effekt oder das Fall-back Noise der Hämmer getrennt einstellen.

Piano-VSTs und Rechnerleistung

Software-Pianos sind leistungshungrig! Auf aktuellen Audio-PC lassen sich die Instrumente grundsätzlich gut spielen, vor dem Kauf empfiehlt sich aber immer ein prüfender Blick auf die Systemanforderungen. Denn hier können Piano-VSTs sehr unterschiedlich ausfallen. Physical-Modeling-Instrumente wie Modartt Pianoteq erzeugen die Piano-Sounds auf Basis von Algorithmen. Das Plug-in passt sich zwar der vorhandenen Prozessorgeschwindigkeit an, aber es dürfte niemanden verwundern: Mit der Prozessorleistung steigt der Spielspaß!

Bei Sampling-basierten Piano-VSTs kommt noch andere Faktoren ins Spiel. Denn um eine detailreiche Reproduktion eines Klavierklangs zu gewährleisten, benötigt das Piano-Sampling viele, sehr viele einzelne Samples. Per Scripting-Technik werden diese im Software-Instrument zu einem dynamisch spielbaren Klang zusammengefügt. Bei Sampling-basierten Piano-VST muss man daher auf diese Punkte achten:

  1. Prozessorgeschwindigkeit: Musikmachen mit einem Musik-Computer benötigt generell schnelle DSP.
  2. Arbeitsspeicher: Um dem hohen Speicheraufkommen gerecht zu werden, wird viel RAM benötigt. Minimum sind 8 GB, denn neben dem Piano-VST sollen ja auch noch vielleicht eine DAW und andere Sounds und Audio-Spuren möglich sein.
  3. Festplatten-Speicher: Sound-Libraries der Piano-VSTs brauchen viel Speicherplatz. Besonderes Augenmerk gilt aber auch der Ladezeit, die benötigt wird, die Samples in den Arbeitsspeicher zu übertragen. Wenn’s schnell gehen soll – z.B. im Live-Betrieb – lohnt sich die Investition in Solid-State-Disk-Speicher. Sie sind herkömmlichen Festplatten in puncto Datendurchsatz haushoch überlegen. Gerade bei Instrumenten mit vielen Einzelsamples ist die ca. 10fach schnellere Ladezeit einer SSD spürbar.

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