Piano-Sound: Vom Klangideal zum Klangdetail

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Bildquelle: Kawai

Nicht allein die Saitenschwingungen machen den Piano-Sound: Das Spielverhalten eines Digitalpianos nehmen wir nur dann als lebhaft und authentisch wahr, wenn auch die vielfältigen dynamischen Klangdetails wie Saiten- und Dämpfer-Resonanzen, ja sogar mechanische Nebengeräusche berücksichtigt werden.

Egal, ob akustisch oder digital: Beim Klavierspielen möchte man einen schönen vollen Klang.

Wer will schon Nebengeräusche im Piano-Sound?

Egal, ob akustisch oder digital: Beim Klavierspielen möchte man einen schönen vollen Klang. Und störende Nebengeräusche, wie ein quietschendes Haltepedal oder eine klappernde Taste, sollte man möglichst beheben lassen. Indessen wird aber kaum jemand bemängeln, dass beim Spielen eines echten Klaviers Tastatur, Pedal- und Hammermechanik nicht lautlos arbeiten.

Tatsächlich sind die mechanischen Geräusche bei Klavier und Flügel ein Teil des Klanges und dabei doch lauter als Viele es vermuten würden. Wer ein Hybrid Piano im stummgeschalteten Zustand spielt, kann all die Nebengeräusche isoliert hören: die Dämpfermechanik, das Zurückfallen der Hämmer und nicht zuletzt die Tastatur. Auch wenn es sich dabei zum Teil um eher subtile Klanganteile handelt, so gehören sie doch zum Klang, den man beim Spielen und Zuhören als Ganzes wahrnimmt.

Besonders in der Piano-Musik der Neoklassik ist ein Klavierklang beliebt, der von Nebengeräuschen geradezu lebt. Ebenso in der Filmmusik werden oft sehr atmosphärische Piano-Sounds eingesetzt. Bevorzugt werden Upright-Pianos eingesetzt. Bei der Aufnahme werden die Mikrofone möglichst nah an der Mechanik des Klaviers aufgestellt, um diese „Geräuschkulisse“ möglichst plastisch aufzunehmen. Denn sie verleiht der Aufnahme Nähe und Intimität.

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Jeder Klavierklang ist einzigartig

Auch wenn ein Piano-Sound möglichst gleichmäßig intoniert ist, so besitzt jeder einzelne Ton oder auch Tonbereich ganz individuelle Nuancen: Bei manchen Tönen ist eine dumpfe Resonanz, bei anderen hört man vielleicht ein leises Klicken in der Mechanik, bei anderen wiederum hört man ganz leise den Filz unter den Hämmern reiben. Alles das ist in einem gewissen Rahmen völlig normal und macht unter Umständen sogar den Charme eines älteren Klaviers erst aus, wo sich über die Jahre bestimmte Klangnuancen gebildet haben. 

Jedes Digitalpiano klingt gleich?

Bei Digitalpianos ist das völlig anders, denn im Prinzip sind alle Exemplare eines Digitalpiano-Modells identisch – das Schöne an der Digitaltechnik ist ja gerade ihre Exaktheit. Die Klavierklänge in einem Digitalpiano sind technisch so optimiert, dass sie überall gleich gut und ausgewogen klingen. 

Welchem Zweck dienen Edit-Funktionen eines Digitalpianos?

Trotz digitaler Klangerzeugung kann es vorkommen, dass identische Digitalpiano-Modelle unterschiedlich klingen. Dies kann zwei Ursachen haben:

  1. Der Digitalpiano-Sound klingt unausgewogen aufgrund problematischer Raumakustik.
  2. Der Klavierklang wurde gezielt verändert, ähnlich der Intonation eines akustischen Klaviers.

In beiden Fällen sind die Möglichkeiten der Klanggestaltung von großem Vorteil. Edit-Funktionen wie Virtual Technician (Kawai), Piano Designer (Roland) und Piano Room (Yamaha Smart Pianist) sind in zweierlei Hinsicht von Nutzen:

  1. Man verändert ganz bewusst bestimmte Klangdetails, um dem Spiel- und Klangverhalten eine individuellen Note zu verleihen.
  2. Der Klavierklang eines Digitalpianos soll akustisch den räumlichen Gegebenheiten angepasst werden. 

Punkt 1 ist für Alle interessant, die kreativ in die Klanggestaltung einsteigen möchten. In erster Linie ist das virtuelle Intonieren des Klangs nach eigenen musikalisch-ästhetischen Vorstellungen eher etwas für jene, die im Klavierspielen schon etwas weiter sind. Aber auch für Einsteiger interessant zu erfahren ist, aus welchen Details ein Klavierklang besteht. In den Piano-Apps Virtual Technician (Kawai) und Smart Pianist (Yamaha) wird das gut verständlich dargestellt.

Sehr speziell wird es bei Punkt 2, denn für Intonation einzelner Töne braucht es Erfahrung in puncto Klavierbau und Akustik. Man muss den Raum, in welchem das Digitalpiano aufgestellt ist, akustisch einzuschätzen wissen, um dann gegebenenfalls einzelne Töne nachzujustieren. Das geht auch längst nicht bei jedem Digitalpiano und ist den hochwertigeren Instrumenten vorbehalten. Mit den Single-Note-Parametern lassen sich hier einzelne Töne in Lautstärke und Klangcharakter einstellen. Nützlich ist dies, wenn einzelne Töne durch Raumresonanzen nicht gewünschte Betonung erfahren.

saitenresonanzen

 Key-off-Effekt und Fall-back Noise

Der einfachste Piano-Sound wäre eine Aufnahme von einem angeschlagenen Ton. Für die Reproduktion des Spielverhaltens muss man aber berücksichtigen, in welcher Situation sich der gesamter Apparat befindet. So wird ein Klavierton nicht einfach so aufhören zu schwingen, sobald man eine Taste loslässt. Wenn man genau hinhört, kann man im Ausklang ein gewisses Nachschwingen feststellen. Daran beteiligt sind nicht wenige Faktoren:

Dieses Nachschwingen ist stark von der Spielweise abhängig und klingt bei einem lauten Staccato deutlich anders als ein langsam abgesetzter Ton. Hierbei hört man den Dämpfer sanft auf die Saite tupfen. Während diese Obertöne im Ausklang im Tastenweg gesteuert werden können, kommt beim Loslassen der Taste schließlich noch das Rückfallgeräusch der Hämmer hinzu. Diese Aktion findet im Haltepedal natürlich auch statt, nur entfällt hierbei die Aktion der Dämpfer. Die Fall-Back-Geräusche können in den angedämpften Saiten nun aber Resonanzen erzeugen.

Apropos Saitenresonanz

Auch dieser Aspekt bereichert den Klang von Klavier und Flügel – und zwar auf äußerst komplexe Weise. Die Saitenresonanzen hängen immer von den gerade gespielten und angedämpften Tönen ab. Es ist ein ständiges Wechselspiel von Obertönen, die den Gesamtsound zu dem werden lassen, was wir als lebhaften und schönen Piano-Sound lieben und schätzen. Diese komplexen Zusammenhänge allein mit Samples nachzuempfinden ist praktisch unmöglich, daher verwenden viele elektronisch erzeugten Sounds eine Mischung aus Multisampling und Physical Modeling.

Bei Digitalpianos unterscheidet man zwischen Damper Resonance und Sympathetic Resonance. In welchem Maße sich die Resonanzen auf das Klangverhalten auswirken, lässt sich bei vielen Modellen individuell einstellen.

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